Zum Inhalt springen
FachhandelspulsNewsletter
Menü
ErklärstückQuellengeprüft

Was ist ETIM-Klassifizierung und warum brauchen Sie sie als Händler?

ETIM ist ein offener Standard, der technische Produkte nach festen Klassen und Merkmalen beschreibt — statt in Fließtext, den jeder Hersteller anders formuliert. Für den Werkzeug-, Eisenwaren- und Industriebedarfshandel ist es die gemeinsame Sprache, in der Lieferanten, Großhändler und Marktplätze ihre Artikeldaten austauschen — ohne sie bleiben Ihre Produkte in Katalog und Shop schwer auffindbar.

Stammdaten & PIM4 Min. LesezeitVeröffentlicht am 16. Oktober 2026

Was beschreibt ETIM eigentlich?

ETIM ordnet jeden Artikel einer festen Produktklasse zu und beschreibt ihn mit standardisierten Merkmalen und Werten — so, dass Akku-Bohrschrauber verschiedener Hersteller nach denselben Kriterien vergleichbar werden. Der Name steht für Elektro-Technisches Informations-Modell; historisch stammt der Standard aus der Elektrobranche und wird dort bis heute stark genutzt.

Der Aufbau ist einfacher, als der Begriff Klassifikation vermuten lässt. Jedes Produkt bekommt eine Klasse — etwa „Akku-Bohrschrauber". Zu jeder Klasse gehört ein fester Satz an Merkmalen, im ETIM-Deutsch „Features" genannt: Spannung, Drehmoment, Gewicht, Akkutechnologie. Und jedes Merkmal hat definierte Werte, teils mit Einheiten, teils als Auswahl aus einer festen Liste. Statt „leichtes Gerät mit ordentlich Kraft" im Fließtext stehen dann feste Felder für Spannung, Drehmoment und Gewicht, die jede Software gleich liest.

ETIM liegt aktuell in der Version 10.0 vor, mit über 5.600 veröffentlichten Produktklassen und 17.377 Merkmalen. Die Nachfolgeversion ETIM 11.0 ist seit dem 15. Oktober 2026 in der Beta-Phase und soll nach Angaben von ETIM Deutschland am 1. Dezember 2026 erscheinen. Getragen wird es in Deutschland vom ETIM Deutschland e.V. mit Sitz in Frankfurt am Main, gegründet 1999. Es ist ein offener Standard, den nach Angaben von ETIM Deutschland mehr als 1.000 Hersteller nutzen. Kostenlos ist allerdings nur noch das englische Modell: Seit dem 1. Juli 2026 ist die deutsche Fassung des Klassifikationsmodells den Mitgliedern von ETIM Deutschland vorbehalten, der Jahresbeitrag beträgt laut Leistungskatalog 4.000 Euro, und Großhändler, deren Großhandelskooperation Mitglied ist, erhalten einen Kooperationsrabatt. Die Leitfäden zu ETIM BMEcat und ETIM xChange bleiben frei zugänglich. Neben ETIM ist im deutschsprachigen Raum vor allem eCl@ss verbreitet — ein zweiter Klassifikationsstandard, den wir in unserem Beitrag zu ETIM, eCl@ss und BMEcat einordnen. Für Sie heißt der Unterschied vor allem: Es sind zwei verschiedene Sprachen, und Ihre Kunden sprechen nicht zwingend dieselbe. ETIM arbeitet mit einer flachen Struktur aus vielen gleichrangigen Klassen; eCl@ss ordnet Produkte in einer tieferen Hierarchie.

Was hat ETIM mit meiner Branche zu tun?

Mehr, als der elektrotechnische Name vermuten lässt — denn einer der Geschäftsbereiche heißt WEBA und meint genau Ihr Sortiment. ETIM gliedert sich in mehrere fachliche Bereiche, darunter Elektro, Sanitär-Heizung-Klima und den Bereich Werkzeuge, Eisenwaren und Betriebsausstattung, kurz WEBA. Wer Schweißtechnik, Werkzeuge, Arbeitsschutz oder Industriebedarf handelt, findet sein Sortiment in diesem Bereich wieder.

Der praktische Anlaufpunkt für den technischen Handel ist der VTH-eData-Pool, die Produktdaten-Drehscheibe des Verbands Technischer Handel. Über ihn beziehen Händler Artikeldaten ihrer Lieferanten in einheitlicher Form — und der Großhandel wünscht sich ausdrücklich, dass die Industrie ihre Produkte nach Standard-Klassifikationen wie ETIM oder eCl@ss einsortiert. Wenn Ihre Branche also eine gemeinsame Sprache für Produktdaten hat, dann ist ETIM einer ihrer beiden Dialekte. Wir sagen bewusst „einer von zwei": Welcher davon für Ihr Haus der richtige ist, hängt an Ihren Lieferanten und Ihren größten Kunden, nicht an einer allgemeinen Regel.

Warum sollte ich als Händler überhaupt klassifizieren?

Weil Ihre Kunden und die Plattformen, über die Sie verkaufen, es zunehmend voraussetzen — und weil ein Artikel ohne saubere Merkmale im eigenen Shop kaum gefunden wird. Der Reihe nach.

Erstens die Erwartung von außen. Der VTH als Branchenverband formuliert es ausdrücklich: Der Großhandel wünscht sich von der Industrie Produktdaten, die nach Standard-Klassifikationen wie ETIM oder eCl@ss einsortiert sind. Wer als Hersteller in die Datenpools der Branche will, kommt daran nicht vorbei — und wer als Händler Kataloge und Shops mit belastbaren Merkmalen füllen will, ist auf denselben Standard angewiesen. Wie viele WEBA-Kunden oder Marktplätze ETIM heute konkret als Bedingung verlangen, ist nicht öffentlich erhoben; ein prominentes Beispiel aus einer Nachbarbranche ist der Elektronikhändler Conrad, der von seinen Lieferanten ETIM-Daten im BMEcat-Format fordert. BMEcat ist dabei nicht dasselbe wie ETIM: ETIM legt fest, was beschrieben wird, BMEcat ist das Transportformat — die standardisierte Datei, in der die klassifizierten Artikel verschickt werden. Seit 2024 empfiehlt ETIM International zusätzlich ein neueres Austauschformat namens ETIM xChange, im Alltag ist BMEcat aber weiterhin die verbreitete Variante.

Zweitens der Nutzen im eigenen Haus. In einem Onlineshop kann ein Kunde nur nach dem filtern, was als Merkmal hinterlegt ist. Steht die Spannung nur im Beschreibungstext, taucht der Artikel im Spannungsfilter nicht auf — er existiert für den Suchenden praktisch nicht. Klassifizierte Daten sind außerdem die Grundlage, auf der ein PIM — ein Produktinformationssystem, das Artikeldaten zentral verwaltet — überhaupt sinnvoll arbeiten kann. Und sie sind dieselbe Grundlage, die Sie brauchen, wenn Sie Künstliche Intelligenz im Fachhandel wirklich nutzen wollen: Ein Sprachmodell, das aus Ihrem Sortiment Angebote oder Beschreibungen bauen soll, ist nur so gut wie die strukturierten Daten, die es vorfindet.

Der ehrliche Teil: Wie viel Arbeit die Erstklassifizierung eines Sortiments im WEBA-Bereich kostet — in Stunden, in Euro, in Personentagen —, lässt sich seriös nicht pauschal beziffern. Belastbare Zahlen dazu haben wir nicht gefunden, und sie hingen ohnehin an der Zahl Ihrer Artikel, der Datenqualität Ihrer Lieferanten und daran, ob Sie das intern, über einen Dienstleister oder über den VTH-eData-Pool lösen. Wer Ihnen eine glatte Zahl nennt, schätzt.

Wofür Sie das im Alltag brauchen

ETIM ist kein Projekt, das Sie um seiner selbst willen anfangen — es ist die Vorbedingung dafür, dass Ihre Produktdaten in Shop, Katalog und beim Kunden ankommen. Drei Schritte bringen Sie weiter, und den ersten können Sie diese Woche gehen.

Fragen Sie Ihre umsatzstärksten Lieferanten, ob sie ETIM-Daten liefern — und wenn ja, in welcher Version und in welchem Format. Prüfen Sie danach, was Ihre größten Kunden und der VTH-eData-Pool an Klassifikation erwarten; daraus ergibt sich, ob ETIM, eCl@ss oder beides für Sie zählt. Und fangen Sie klein an, bei den Artikeln, die den meisten Umsatz tragen, statt das gesamte Sortiment auf einmal umstellen zu wollen. Saubere Stammdaten sind auch die Grundlage, auf der andere Digitalisierungsschritte aufsetzen — von der Shopanbindung bis zur E-Rechnung, die falsche oder unvollständige Daten gnadenlos zurückweist.

Quellen

  1. ETIM Deutschland e.V. — Startseite (Version 10.0, Produktklassen, Merkmale, Geschäftsbereiche WEBA/Elektro/SHK/Digitale Schnittstellen, mehr als 1.000 Hersteller, mehr als 20 Länder)ETIM Deutschland e.V. · 2026-08-24
  2. ETIM 11.0 Beta veröffentlichtETIM Deutschland e.V. · 15.10.2026
  3. FAQ ETIM Deutschland (offener Standard, ETIM Deutschland e.V. gegründet 1999, Sitz Frankfurt/Main)ETIM Deutschland e.V. · 2026-08-24
  4. Geschäftsbereiche (u. a. WEBA)ETIM Deutschland e.V. · abgerufen 16.10.2026
  5. Was ist ETIM? (Aufbau flache Struktur vs. eCl@ss hierarchisch; BMEcat als Austauschformat; seit 2024 Empfehlung ETIM xChange; Conrad fordert ETIM-Daten im BMEcat-Format)nexoma GmbH · 2026-08-24
  6. Klassifizierungssysteme im VTH-eData-Pool (VTH-Wunsch: Industrie sortiert nach ETIM/eClass/Proficlass)VTH / IFCC · 2026-08-24
  7. ETIM-Leistungskatalog: Leistungen für Mitglieder, Fördermitglieder und Nicht-Mitglieder, Version 1.0 (Jahresbeitrag 4.000 €/a; Zugang zum deutschen Modell nur für Mitglieder; Kooperationsrabatt; englisches Modell und Leitfäden frei)ETIM Deutschland e. V. · Stand September 2026
  8. Neuer ETIM-Leistungskatalog (deutsches Modell seit 01.07.2026 Mitgliedern vorbehalten; englisches Modell und Leitfäden BMEcat/xChange bleiben frei)ETIM Deutschland e. V. · abgerufen 16.10.2026